Wiedergelesen: Die Theorie der Hegemonie

Wiedergelesen: Die Theorie der Hegemonie

Manchmal ist es erstaunlich, wie der Tod eines Autors sein Werk wieder ins Rampenlicht rücken kann. Mit dem kürzlichen Ableben von Ernesto Laclau wird erwartet, dass sein posthumer Band “Die rhetorischen Grundlagen der Gesellschaft” besonders viel Aufmerksamkeit erhalten wird. Aber Laclaus Tod gibt auch Anlass, in die Vergangenheit zu schauen. Wie relevant ist sein Werk “Hegemonie und sozialistische Strategie”, das den Ausgangspunkt für den Postmarxismus von Laclau und Chantal Mouffe bildete, heute noch? In den fast 30 Jahren seit der Veröffentlichung im Jahr 1985 ist viel passiert. Die Anliegen von Laclau und Mouffe sind jedoch immer noch aktuell. In diesem Beitrag möchte ich argumentieren, dass “Hegemonie und sozialistische Strategie” ein moderner Klassiker der sozialen und politischen Theorie ist. Laclau und Mouffe entwickeln in diesem Buch erstmals eine umfassende Diskurstheorie, legen die Grundlagen für eine postfundamentalistische politische Ontologie und geben dem sozialistischen Projekt eine neue Bedeutung als Projekt radikaler Demokratie.

Diskurstheorie als Gesellschaftstheorie

“Hegemonie” markiert den Beginn eines Ansatzes, in dem gramscianische und poststrukturalistische Kategorien zu einer neuen Theorieoption verschmelzen. Laclau und Mouffe nutzen in “Hegemonie” die konzeptionellen Grundlagen der Hegemonietheorie, die in den folgenden drei Jahrzehnten maßgebenden Einfluss hatten. Der Ansatz, den sie in diesem Werk entwickeln, kann jedoch nicht außerhalb seines historischen Kontexts verstanden werden. In den 1980er Jahren befand sich die kritische Theorie in einer paradoxen Situation. Einerseits verlor der Marxismus mit seiner Betonung der Ökonomie und des Klassenkampfs seine einstige Rolle als kreativer Theoriegenerator. Andererseits formten sich außerhalb des Marxismus neue kritische Theorien, die die Achsen von Ungleichheit und Herrschaft über die traditionelle Konfliktlinie von Arbeit und Kapital hinaus erweiterten. Insbesondere die Arbeiten von Foucault und Derrida sowie die Wiederentdeckung von Gramsci führten dazu, dass das Soziale als ein Terrain von Macht und Herrschaft gelesen wurde.

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Laclau und Mouffe greifen diese Entwicklungen auf und integrieren gramscianische Konzepte in eine poststrukturalistische Diskurstheorie, die von Konstruktivismus und Antiessentialismus geprägt ist. Für sie entsteht jedes Subjekt, jede Praxis oder Kollektiv im Rahmen von Diskursen und entwickelt seine Identität durch Diskursverschiebungen. Die Bedeutung eines Begriffs wie “Proletariat” wird nicht als objektive Kategorie verstanden, sondern als kontingentes diskursives Produkt. Die Klasse entsteht in langwierigen diskursiven Prozessen, in denen die proletarische Identität schrittweise geschaffen wird. Bei Laclau und Mouffe werden Diskursformationen zu den handlungsfähigen Kollektiven politischer Kämpfe.

Politische Ontologie

Die poststrukturalistische Radikalisierung von Gramscis Theorien hat tiefgreifende sozialontologische Konsequenzen. “Hegemonie” eröffnet eine neue Perspektive auf das Soziale, die von den drei Momenten der Kontingenz, des Konflikts und der Ordnung geprägt ist.

Laclau und Mouffe betonen die Kontingenz des Sozialen. Für sie gibt es kein essentielles Fundament, das dem sozialen Gefüge eine vorbestimmte Ordnung verleiht. Das Soziale ist immer mit Kontingenz verbunden. Gleichzeitig geht Kontingenz mit Konflikt einher. Die Konstitution sozialer Objektivität hängt mit antagonistischen Grenzziehungen zusammen. Die Konfliktgeladenheit sozialer Verhältnisse ist für sie kein Grund zur Besorgnis, sondern ein Motor des sozialen Wandels. Konflikte bringen Bewegung in die Gesellschaft und verhindern, dass soziale Verhältnisse verhärten und alternativlos werden. “Hegemonie” bietet jedoch nicht nur eine Perspektive der Kontingenz und des Konflikts, sondern auch eine Ordnungstheorie. Politische Artikulationen, antagonistische Grenzziehungen und diskursive Hegemonialbildungen führen zu einer gewissen Ordnung. Hegemonie entsteht, wenn es einem Diskurs gelingt, seine Inhalte zu universalisieren und eine breite Akzeptanz zu erlangen. Laclau und Mouffe betonen jedoch, dass das, worauf sich Diskursmomente beziehen, um ihre Äquivalenz herzustellen, keine positive Instanz ist, sondern eine negative, die außerhalb des diskursiven Raums existiert.

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Das politische Projekt der radikalen Demokratie

Der Titel “Hegemonie und sozialistische Strategie. Auf dem Weg zu einer radikalen demokratischen Politik” lässt bereits erahnen, dass es hier nicht nur um eine theoretische Betrachtung geht. Laclau und Mouffe plädieren dafür, das Soziale als unsicheres Terrain von Kämpfen und Machtverhältnissen zu begreifen. Sie fordern ein politisches Projekt, das auf der Anerkennung der Kontingenz und des Konflikts basiert. Die radikale Demokratie wird zur Plattform für Emanzipationsbestrebungen. Sie setzt die traditionellen Forderungen nach Freiheit und Gleichheit fort und bezieht sich auf eine Vielzahl von Bewegungen, die sich für Gleichheit, Mitbestimmung und Umverteilung einsetzen.

Die Autoren betonen, dass der Sozialismus ohne Demokratie nicht funktionieren kann. Das Projekt der radikalen Demokratie geht jedoch über den klassischen Sozialismus hinaus. Es fordert eine demokratische Kontrolle des gesamten Wirtschaftskreislaufs von Produktion, Verteilung und Konsum. “Hegemonie” bietet keine Rezepte für die ideale Gesellschaftsordnung, sondern einen politischen Horizont, der in der Praxis verwirklicht werden muss. Demokratische Politik muss die Kontingenz und den Konflikt aushalten und immer wieder zur Sprache bringen.

“Hegemonie und sozialistische Strategie” ist ein Klassiker, weil es uns dazu aufruft, das Soziale als einen Ort des Kampfes und der Macht zu verstehen, dem sich keine Gesellschaftstheorie, Ontologie oder politisches Projekt entziehen kann. Wir müssen die Kontingenz und den Konflikt akzeptieren und uns immer wieder dem rauen Boden stellen, um Veränderungen voranzutreiben.