Bitte nicht zu nett: Wie ist das Abitur in Sachsen?

Bitte nicht zu nett: Wie ist das Abitur in Sachsen?

Für viele Schüler ist die Schule ein Ort voller Erinnerungen, in dem sie erwachsen werden. Leider ist sie auch der Ort der Prüfungen. Auch wenn die Bewertungen im Nachhinein verblassen und das Leben anders verläuft als erwartet, mussten wir alle durch den großen Abschlusstest gehen. Hier ist ein Blick auf das Abitur in Sachsen aus der Sicht eines Lehrers.

Das war knapp. Ein Physiklehrer wurde stutzig, als der Zweitkorrektor seinem Schüler sieben Notenpunkte weniger in der Abiturprüfung gab. Ein Anruf beim damaligen Sächsischen Bildungsamt ergab, dass der Zweitkorrektor letztes Jahr ein Blatt übersehen hatte. Die Schülernote wurde geändert und eine Drittkorrektur war nicht erforderlich.

Wo der Lehrer die Abiturprüfungen aufbewahrt, ist unbekannt. Es gibt jedoch strenge Anweisungen: Sie sollten nicht im Auto liegen und außerhalb der Reichweite von Kindern sein. Es ist beruhigend zu wissen, dass auch im durchbürokratisierten sächsischen Abitur Fehler passieren können. Ohne das Engagement des Lehrers hätte der Schüler die schlechte Note akzeptiert, ohne zu wissen, was tatsächlich passiert ist. Die rechtlichen Rahmenbedingungen sind ohnehin nicht besonders schülerfreundlich.

Im Jahr 2018 durften Schüler erstmals auf Anfrage erfahren, warum sie eine bestimmte Note in der mündlichen Prüfung erhalten haben. Zuvor war dies nicht gestattet. Sächsische Schüler absolvieren zwei mündliche Prüfungen, je nach Wahl des Leistungskurses können dies Musik, Religion, Kunst, Geschichte und/oder Geografie sein. Schriftlich werden die Schüler in ihren zwei Leistungskursen und einem dritten Fach geprüft, in der Regel Deutsch und Mathematik. Das unterscheidet Sachsen von anderen Bundesländern.

Bürokratie und Toilettenpausen

Vor einem Jahr berichtete der “Spiegel” über die mangelnde Vergleichbarkeit der Abiturprüfungen in Deutschland. Im Allgemeinen gilt: Je weiter nördlich, desto einfacher wird es.

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Das sächsische Abitur gilt als besonders bürokratisch. Es gibt viele Vorschriften sowohl für Schüler als auch für Lehrer. Bei schriftlichen Prüfungen ist es den Aufsicht führenden Lehrern beispielsweise untersagt, andere Tätigkeiten auszuüben. Das dient zwar der Betrugsprävention, kann aber auch anstrengend sein.

Die Toilettenpausen der Schüler müssen genau dokumentiert werden. Jeder Schüler hat eine eigene Chiffre für jede schriftliche Prüfung. Dies soll verhindern, dass die Fachlehrer, die die Erstkorrektur übernehmen, durch persönliche Gefühle beeinflusst werden. Es ist bekannt, dass Fachlehrer ihre Schüler gut kennen und daher wissen, wie sie schreiben. Der Zweitkorrektor kennt den Schüler jedoch nicht persönlich. Es ist auch festgelegt, in welchen Farben die Korrektoren ihre Vermerke machen. Erstkorrektor rot, Zweitkorrektor grün, Drittkorrektor braun.

Safes öffnen und Notfallhotline

Jede Prüfung hat ihre eigene Chiffre und jeder Schüler zieht vor der Prüfung seinen Sitzplatz. Erlaubte Hilfsmittel sind festgelegt und Tafelwerke müssen einen Tag vorher abgegeben werden. Die Fachlehrer überprüfen, ob sich dort Randbemerkungen befinden. Es sind immer zwei Lehrer als Prüfungsaufsicht anwesend, auch wenn es nur einen Prüfling gibt. Einer kann Hilfe holen oder den Prüfling beaufsichtigen, während der andere beispielsweise zur Toilette geht oder einen Betrugsversuch meldet. Ob die Prüfung für den Betrüger beendet ist, entscheidet die Schulleitung.

Um 7 Uhr öffnet der Vorsitzende des Prüfungsausschusses im Beisein des Fachlehrers den Prüfungssafe in der Schule. Die Öffnung wird protokolliert. Die Fachlehrer müssen sich von den Schülern fernhalten, um nicht in den Verdacht zu geraten, etwas Unrechtes zu tun. Das Protokoll der Prüfung muss inhaltsleer sein, um keine Angriffsfläche zu bieten. Oder anders gesagt: Bitte nicht zu nett sein.

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Lektionen für das Leben

Nach den schriftlichen Prüfungen folgen die mündlichen Prüfungen. In Sachsen gibt es einen Zeitraum von drei Wochen für diese Prüfungen. Das kann unfair sein, da einige Schüler bereits in der ersten Woche an der mündlichen Prüfung teilnehmen müssen, während andere erst in der letzten Woche geprüft werden. Wer früh dran ist, hat weniger Zeit zur Vorbereitung nach den schriftlichen Prüfungen. Die Prüfungszeit endet jedoch für alle Schüler nach der letzten mündlichen Prüfung.

Schüler dürfen mittlerweile nachfragen, warum sie eine bestimmte Note bekommen haben, nachdem sie die Note vom Prüfungsvorsitzenden erfahren haben. Dabei ist es wichtig, auf die Zwischentöne zu achten. Der Prüfungsvorsitzende gratuliert zu einer bestandenen Prüfung, wenn das Ergebnis 5 Punkte oder besser ist. Bei weniger als 5 Punkten wird lediglich bestätigt, dass die Prüfung absolviert wurde. Während der Prüfung sind verbale Einschätzungen wie “gut” oder “prima” unzulässig. Schulrektoren bestehen außerdem darauf, dass nicht gelächelt wird.

Liebe Schüler, lernt aus dieser Geschichte: Unserer Welt ist nichts so eindeutig, wie es oft scheint.